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15. Mai 2015

Schüler brauchen (selbst)bewusste und glückliche Lehrer!

20130901_110843_Doug_OldInterview mit Martina Belling

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Martina Belling ist Oberstudienrätin und beschäftigt sich seit 2007 eingehend mit dem Thema Glück. Sie bezeichnet sich selbst als „Glücks-Lehrerin“. In Seminaren und Vorträgen hilft sie Menschen, ihren ganz persönlichen Zugang zum Glück (wieder) zu finden, bzw. die Zahl der Glücksmomente im Alltag zu erhöhen. Auf ihrer Homepage www.glueckszeiten.de findest du weitere Einzelheiten, die neuesten Termine für Vorträge und Seminare, Literaturtipps o.ä.


Gab es ein einschneidendes Erlebnis, welches deinen Weg zur Glückslehrerin (mit)begründet hat – wie bist du zu dieser exponierten und, wie ich finde, dringend notwendigen Lehrposition gekommen?

Ich bin schon immer ein Mensch gewesen, der sehr schnell die Gefühlslage anderer gespürt und erkannt hat. So war es also nicht verwunderlich, dass ich als Lehrerin ebenfalls, sobald ich nur fünf Minuten mit einer Klasse in einem Raum war, sofort wahrnahm, wem es wie ging… Wer eine seelische Schräglage hat, wer gelangweilt war, wer “richtig gut drauf” war. Meine Schülerinnen und Schüler spürten, dass ich sie wahrnahm und offenbarten sich mir deshalb häufig. Diese Gespräche fanden leider meist nur am Rande des Unterrichtes statt, da der Schulalltag, zumindest an einer recht großen Schule, nicht viel Raum für dererlei Begegnungen bietet…. Leider!

Ich wurde dann 2007 von einem meiner Kollegen angesprochen, der morgens auf der Fahrt zur Schule im Radio ein Interview mit dem Heidelberger Schulleiter Ernst Fritz Schubert zum Thema ‘Schulfach Glück’ gehört hatte. Er berichtete mir kurz davon und meinte “Martina, das wäre doch was für dich!”.

So bin ich also zu diesem Thema gekommen. Ich hörte mir damals besagtes Interview im Deutschlandfunk an, war spontan begeistert und las erstmal alles, was es zu diesem Thema gab. Und das war sehr viel! Ich kaufte mir das Buch des Herrn Fritz Schubert, las es und machte mir Gedanken, wie ICH “Glück” unterrichten würde.

Je mehr ich mich mit damit auseinandersetzte, desto mehr reifte in mir der Entschluss, selbst dieses wunderbare Thema in unsere Schule zu holen.

Zu meiner Schulzeit (Abi-Jahrgang 2001) hatte ich immer wieder Phasen, in denen ich alles hinwerfen wollte. Rigidität, ausgenutzte Autorität, mangelnde Empathie, starre Lehrpläne, Druck, Zwang und ein ständiges Be- und Abwerten waren tägliches Programm. Ich hatte stets das Gefühl, in der Schule ausschließlich als funktionieren müssendes Objekt gesehen zu werden, dessen gesamtes Seelenleben dort nichts zu suchen hatte.

Wie läuft Schule heute? Und wie nimmst du deine SchülerInnen wahr?

Man kann, meiner Meinung nach, nicht pauschal sagen “Schule läuft so oder so”. Schulen sind sehr unterschiedlich! Es hängt natürlich schon sehr vom Schulsystem, den Vorgaben, Lehrplänen, den Gebäuden etc. ab – aber im Wesentlichen prägen doch die Lehrerinnen und Lehrer den Unterricht. Sie begegnen ihren Schülern, sie interpretieren den Lernstoff, sie bestimmen maßgeblich die Atmosphäre im Klassenraum. Und ich glaube, wenn sie Menschen allgemein und jüngere Menschen im speziellen mögen, sich für diese interessieren und dazu NICHT vergessen haben, wie sie selbst sich als Schüler gefühlt haben…, dann ist schon sehr viel gewonnen! Leider ist es oftmals anders….

Meine SchülerInnen nehme ich meist als sehr dankbar wahr, wenn ich ihnen zeige, dass ich SIE wahrnehme, SIE als individuelle Person, z.B. dadurch, dass ich ihren Namen schnell lerne und/oder sie auf Dinge anspreche, die sie die Woche vorher erzählt haben- kurz indem ich sie fühlen lasse, dass sie mir nicht gleichgültig sind. Meiner Meinung nach möchte JEDER, egal ob SchülerIn oder LehrerIn, einfach schlichtweg gesehen werden.

Leider ist auch dies – übrigens ebenso innerhalb der Schülerschaft – nicht selbstverständlich. Ich erlebe auch Klassen, in denen nach fast einem Schuljahr (!) immer noch von einem Mitschüler als “der, der da hinten sitzt” gesprochen wird…

Du hast 2011 einen Antrag auf das Unterrichtsfach Glückgestellt, der leider abgelehnt wurde. Welche Inhalte darf solch ein wertvolles Schulfach für dich vermitteln?

Ich habe inzwischen theoretisch, aber auch praktisch erfahren, dass Glück relativ leicht lernbar ist. Man braucht dazu kein Geld, keinen Traummann/keine Traumfrau, kein anderes Aussehen oder Sonstiges. Es spielt sich ALLES im Kopf ab. Und DAS sollte in solch einem Unterricht vermittelt werden – auf vielfältige Art und Weise!

Und – so ganz nebenbei – dass Lernen an sich auch sehr viel Vergnügen, sehr viel Erfüllung bringen kann!

Ist es dir auch ohne offiziellen Rahmen möglich, deinen Schülern aufzuzeigen, wie Glücklichsein – die wohl wichtigste Erkenntnis im Leben(!) – funktioniert? Was genau tust du hierfür?

Ja, das ist mir schon möglich, aber leider nur SEHR eingeschränkt! Es ist schon hilfreich, wenn man ganz offiziell die Zeit zugesprochen bekommt, in aller Ruhe und auf verschiedenste Art und Weise diesem Thema zu begegnen.

Im normalen Schulalltag muss ich gleich nach dem Unterricht, der leider oft thematisch “sehr verdichtet” ist, raus aus dem Klassenraum, zum Lehrerzimmer rasen, irgendwelche Dinge mit Kollegen besprechen, Sachen organisieren, essen, versuchen, mich im Schnelldurchlauf zu erholen – und Zack, wieder in den nächsten Unterrichtsraum, in die nächste Klasse hetzen…. So ist das zumindest an der Schule, an der ich arbeite. Da bleibt nicht so viel Gelegenheit. Günstig ist es, wenn ich, was selten vorkommt, ein Thema unterrichten darf, dass sich gut mit Lebensweisheit verknüpfen lässt, mit Glück oder auch Unglück befasst, bzw. wo ich das einfließen lassen kann.

Wenn du die Möglichkeit hättest, das Schulsystem zu revolutionieren (wenngleich du das bereits in gewisser Weise tust!), – was wären die ersten drei Handlungen, die du umsetzen würdest?

Ich würde zunächst mal die Anfangszeiten nach hinten verschieben. Weder Schüler noch Lehrer sind besonders glücklich, wenn sie vorm Aufstehen in die “Lehranstalt” gehen dürfen… Ich würde die Gebäude, die Räumlichkeiten gemütlicher, ansprechender, ähnlich den Schulen in Finnland, gestalten, so, dass sich Menschen darin wohl fühlen.

Als Drittes würde ich – ich weiß zwar nicht genau WIE – einführen, dass LehrerInnen regelmäßig (!) eine Art Supervision machen und es auch regelmäßig Veranstaltungen (Klassenfahrten, Schulfeste, Projektwochen o.ä.) von Lehrern und Schülern stattfinden, dass es mehr gemeinsame Aufenthaltsräume für beide Gruppen gäbe.

Das klingt wahrscheinlich alles nicht so wirklich “revolutionär”, wäre aber bereits SEHR förderlich für eine glückliche Atmosphäre. Meiner Erfahrung nach werden z.B. all die Veranstaltungen, bei denen Menschen auf Menschen treffen, immer mehr “eingestampft” wegen Zeitmangels… (Wie im Übrigen im Privatbereich ähnlich, wo viele Freundschaften zusehend versanden, da alle abends nur noch auf dem Sofa in sich zusammenfallen…, keiner mehr Zeit hat, sich alle überlastet fühlen.)

Ich werde häufig von Schülern und Schülerinnen angeschrieben, die sich überfordert fühlen, denen die Lust an Schule vergangen ist und die oftmals gar nicht wissen, wofür sie all das tun müssen! Kommt dir das bekannt vor? Was empfiehlst du deinen Schützlingen, wenn sie mit derartigen Herausforderungen befasst sind?

Sie sollten zuallererst mal versuchen herauszufinden, was IHR Weg ist. Dann sollten sie ihre Werte mal überprüfen (was ist für mich wirklich wichtig, was wollen eher andere von mir), dann sollten sie realisieren, dass nur SIE für ihr Leben verantwortlich sind – und dann sollten sie an sich selbst glauben.

Oftmals hilft auch allein der Gedanke, dass das Meiste, worüber sie sich Sorgen machen, nur in ihrem Kopf existiert. Und viele Dinge überhaupt nicht eintreten!

Ach ja, und ich versuche ihnen die Schule und ihre spätere Tätigkeit betreffend zu raten, nicht so sehr auf Arbeitsmarktchancen und gutes Gehalt zu achten, sondern danach zu wählen, was sie erfüllt! Denn, wie sagte mal ein kluger Mensch ( ich hab vergessen, wer’s war):

Wenn man einen Beruf hat, den man liebt, braucht man keinen Urlaub mehr.

Sehr wahr!

Was hältst du von folgenden, etwas provokanten Gedanken:

Schule ist ein Ort, an dem du vieles lernen musst, das dich NICHT interessiert, deiner Persönlichkeit NICHT gerecht wird. Ein Platz, an dem dir beigebracht wird, wie du dein freies Denken, deine Kreativität, deine Intuition, dein Selbstbewusstsein und oft auch deinen Selbstwert abgibst. Schulzeit ist eine intensive Konditionierungsphase, in der du alle Basics an die Hand bekommst, um ein unglückliches Funktionsleben zu führen, in dem Autorität stets von dir als etwas von außen kommendes gefürchtet wird?

Das mag in dem einen oder anderen Fall leider zutreffen…, aber auf eine solche Äußerung würde ich mit einem Ausspruch Mahatma Gandhis (den ich sehr verehre!) antworten:

Niemand kann dich verletzen, wenn du es nicht zulässt!

Kurz: Auch hier gilt, dass nur man selbst für sein Leben verantwortlich ist und dass das Leben eben so ist, wie wir es uns denken!

Meiner Meinung nach dürfte es ausschließlich Glückslehrer geben. Was denkst du darüber? Und welche Fähigkeiten müssten hierfür an Universitäten zusätzlich sensibilisiert werden? 

Ausschließlich GlückslehrerInnen wäre wohl übertrieben… Ausschließlich LehrerInnen, die gerne mit (jungen) Menschen arbeiten, das wäre klasse!

Tja, welche Fähigkeiten müssten erlernt werden? Empathie! Interesse am Menschen! Positive Psychologie vielleicht. Aber wie kann man die ersten beiden Punkte vermitteln? Wahrscheinlich am besten durch Vorleben. Wie in der Kindererziehung. Das bedeutet, dass auch die Beschäftigten an Universitäten, in Lehrerseminaren sich verändern müssten, da an diesen Orten doch oft auch sehr viel Distanz und MenschenUNfreundlichkeit vorherrschen… Außerdem arbeiten an den Studienseminaren, also dort, wo LehrerInnen nach dem Studium ihren pädagogischen „Feinschliff“ bekommen sollen, leider oftmals LehrerInnen, die nicht mit SchülerInnen zurechtkommen und die Arbeit am Seminar lediglich als karrierefördernd sehen… (immerhin steigt man eine Gehaltsstufe auf und muss sich nicht mehr mit SchülerInnen herumquälen…) Mit positiver Pädagogik hat deren Verhalten leider meist nur sehr wenig zu tun….ReferendarInnen werden dagegen regelmäßig durch eine fast nie zufriedenzustellende Mühle gedreht, wo Empathie, Gefühle der Schülerinnen, Motivation nur eine, wenn überhaupt, untergeordnete Rolle spielen. Es geht vielmehr darum, herauszufinden, was der Seminarleiter/die Seminarleiterin gerne sieht/hört, wie das momentan angesagte Didaktikmodell möglichst präzise umgesetzt wird – und ob die Bewirtung bei der Nachbesprechung herausragend war…Dann werden möglichst viele Kritikpunkte gesucht – denn das zeigt doch, wie „kompetent“ man ist – auch wenn der gezeigte Unterricht überaus gelungen war. Einfach nur zu sagen „Es gibt nichts zu bemängeln. Alles war tadellos! Weiter so!“ gibt es nicht. – Was lernen angehende LehrerInnen dadurch? Eben…

Ein Mensch, der das Fach Glück unterrichtet, sollte zuallererst die bereits mehrfach genannte Menschenliebe haben, offen, empathisch, möglichst lebenserfahren und vor allem GLÜCKLICH sein! Zumindest überwiegend…. Günstig ist es, wenn man schon durch viele Täler des Lebens gegangen ist, viel erlebt hat.

Auf alle Fälle kann wohl nicht jeder dieses Fach unterrichten! Aber meiner Erfahrung nach, wollen dies auch nur diejenigen, die die o.g. Eigenschaften in sich spüren… Die anderen halten das schlichtweg für “Quatsch!”.

Studien belegen, dass Erfolg zu einem großen Anteil von einem gut ausgeprägten Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und einer intensiven Verbindung zur eigenen inneren Stimme abhängig ist – viel weniger von Wissen.

Kann das Schule aktuell leisten? Und was ist dein Tipp für SchülerInnen, die sich diesbezüglich geschwächt fühlen?

Momentan ist es schwer an “normalen” Schulen unter den gegebenen Umständen (sehr überfrachtete Lehrpläne, ZeitDRUCK, Druck allgemein) diese essentiellen Themen zu vermitteln. Würde das Schulfach Glück verpflichtend von der Grundschule bis zum letzten Schulabschluss eingeführt würde, sähe das bedeutend optimistischer aus….

Mein Tipp wäre das, was ich bereits bei der sechsten Frage nannte. Ansonsten ist es bestimmt hilfreich, sich zu öffnen, sich mit anderen auszutauschen, sich auf anderen Ebenen Erfolgserlebnisse zu verschaffen, z.B. durch Sport, ehrenamtliche Tätigkeiten, Hobbys….. Auf alle Fälle etwas zu unternehmen. Und nicht in Selbstmitleid zu versinken!

Ich stoße bei meinen Recherchen im Internet immer häufiger auf bewusste Schul- und Studienabbrecher (z.B. Ben Paul auf www.thebenpaul.com), die sich selbst unterrichten und hieraus sogar ein gut laufendes Business aufgebaut haben. Wie stehst du als Glückslehrerin zu diesem Thema?

Das klingt ja zunächst einmal spannend. Aber ich frage mich, wie das Leben hinter dieser Geschichte aussieht, wie es Ben in ein paar Jahren geht…. Ob er nicht doch einfach jemand ist, der nichts zu Ende bringt, sich selbst etwas vormacht… Ich weiß, das klingt jetzt typisch “Eltern-oder lehrermäßig”, vielleicht tue ich Ben ja auch Unrecht und er lebt jetzt und auch in Zukunft ein erfülltes Leben…- aber irgendwie bin ich da misstrauisch. Ich glaube, es ist für jeden von uns wichtig, Dinge zu Ende zu bringen, Erfolgserlebnisse zu bekommen… Und ich glaube nicht, dass das dauerhaft bei Bens Methode funktioniert.

Was möchtest du den Schülern und Schülerinnen da draußen unbedingt noch mitteilen?

Interessiert euch für eure Schule, für die Inhalte, die euch beigebracht werden sollen! Setzt euch ein, dass Bildung nicht an euch vorbei läuft! Nutzt eure Macht – denn die habt ihr! Ihr seid die “Kunden” der Schule und habt mehr Einfluss, als ihr glaubt!

Und glaubt an euch!!!

Vielen Dank an Martina Belling für diese ehrlichen und Mut machenden Worte

 

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Ein Kommentar

  1. Liebe Martina,

    zunächst einmal vielen Dank für Deine Gastfreundschaft. Ich habe unser Gespräch sehr genossen und es hat mich sehr gefreut Dich näher kennenlernen zu dürfen.

    Inzw. habe ich mich mal auf Deiner Website umgeschaut, die Bücherliste durchgesehen und zwei Interviews gelesen.

    In dem Interview von 2015 hast Du einen schlauen Kopf zitiert mit: “Wer seine Arbeit liebt, braucht keinen Urlaub mehr.” Dies hat mich an einen anderen schlauen Kopf erinnert, welcher mal sagte: “Es gibt keine Arbeit, die zu nieder ist. Es ist der Mensch, der zu nieder für die Arbeit ist.” Dies ist ein Aufbauer besonders für Menschen, die in Berufen arbeiten, welche von der Gesellschaft nicht die Anerkennung bekommen, die sie verdienen.

    Hier ist noch ein weiterer Motivator, den ich von einer alten Dame während meiner hauswirtschaftlichen Tätigkeit in einem Seniorenstift “geerbt” und mir zu eigen gemacht habe. “Glücklich ist wer nie verlor, im Kampf des Lebens den Humor.”

    Ich denke, solange man etwas hat, an das man glaubt, und auch noch einen Funken Humor in sich trägt, ist man auf einem guten Weg, um aus den Tiefen des Tals wieder heraus zu finden.

    Mit lieben Grüßen,

    Gabriele
    (Sabine Dudeks Freundin aus Wiesbaden)

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